Energie & Versorgung
Technische Betriebe Flawil

30. Juni 2026

Fünf Fragen an Luca Zillig-Klaus

Fernwärme statt fossile Abhängigkeit: In Flawil entsteht derzeit ein Generationenprojekt, das die Energiezukunft der Gemeinde nachhaltig prägt. Der Geschäftsführer der Technischen Betriebe Flawil erklärt im Interview, wie es gelingt, ein 40-Millionen-Projekt nicht nur technisch, sondern vor allem gemeinsam umzusetzen – trotz Baustellen, Unsicherheiten und grossem Veränderungsdruck. Denn: Fernwärme ist kein Solo, sondern Teamarbeit – lokal verankert und regional vernetzt.

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Julia Benz
Projektleiterin Energie und Klima

Was waren in den letzten 3-5 Jahren prägende Herausforderungen und Erfolge für Sie als Geschäftsführer bzw. die Technischen Betriebe Flawil (TBF)?

Wir haben bewegende Jahre hinter uns. Intern werten wir es als grossen Erfolg, dass wir mit unseren damals 23 Mitarbeitenden Betrieb, Unterhalt und Investitionsprojekte in den Bereichen Strom, Gas, Wasser und Kommunikation während der Corona-Pandemie wie geplant umsetzen konnten. Gleich im Anschluss traf uns, wie alle anderen Energieversorger auch, die intensivste Energiekrise der vergangenen Jahre. Russland marschierte in der Ukraine ein und nutzte die Energiemärkte als internationales Druckmittel. Wir mussten unsere Preise für Strom und Gas ebenfalls nach oben korrigieren. Unsere Beschaffungsorganisation und Beschaffungsstrategien hielten dem Druck jedoch stand und erwiesen sich als robust. Ende 2024 wurden wir zudem mit den Details des «Bundesgesetzes für eine sichere Stromversorgung», besser bekannt als Mantelerlass, konfrontiert. Die neuen gesetzlichen Anforderungen an Verteilnetzbetreiber und Stromlieferanten galt es innert kürzester Zeit umzusetzen. Auch hier sind wir mit mittlerweile 30 Mitarbeitenden gut auf Kurs.
Nebst diesen externen Herausforderungen planen und realisieren wir seit 2022 die Fernwärme Flawil. Darin bündeln sich unsere intrinsisch motivierten Anstrengungen für eine diversifizierte, sichere, bezahlbare und zukunftsfähige Wärmeversorgung für Flawil.

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Die technischen Betriebe Flawil legen die Grundsteine für ein Generationenprojekt. Dafür braucht es neben guter Zusammenarbeit viel Austausch und Kommunikation - und das Wohlwollen der Bevölkerung gegenüber den nötigen Baustellen.
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Infoanlass zum Fernwärmenetz Flawil. Die künftigen Energiezentrale befindet sich auf dem Areal der ARA Flawil.

Flawil bekommt also aktuell ein Fernwärmenetz. Was bedeutet das für die Technischen Betriebe und die Bevölkerung von Flawil?

Die Bevölkerung von Flawil leidet aktuell vor allem unter den vielen Baustellen. Dafür bitten wir immer wieder um Verständnis und sind sehr dankbar für das Wohlwollen, das uns entgegengebracht wird. Konkret können nach den zwei Ausbaustufen zwischen 200 und 250 Liegenschaften von den rund 2’000 Liegenschaften in Flawil mit Fernwärme erschlossen werden. Die Zentrale auf der Abwasserreinigungsanlage Oberglatt wird dann jährlich 23 Gigawattstunden vollständig erneuerbare Wärme produzieren. Damit reduzieren wir den CO2-Fussabdruck der Flawiler Wärmeversorgung um rund einen Viertel. Das System ist so ausgelegt, dass später eine dritte Ausbaustufe möglich wäre. Diese wird jedoch erst in 10 bis 15 Jahren aktuell.
Für die TBF bedeutet die Fernwärme neben einer Gesamtinvestition von 40 Millionen Franken vor allem viel Neuland. Wir verfügen über mehr als 100 Jahre Erfahrung in der Wasser-, Strom- und Gasversorgung, Fernwärme ist für uns jedoch neu. Glücklicherweise nicht für die Branche. Dank einem guten Bildungsangebot und einer engen Vernetzung mit Nachbarwerken profitieren wir von viel Erfahrung. In enger Zusammenarbeit mit unserem Planungspartner, der Anex Ingenieure AG, gelingt es uns bewährte und verlässliche Technologien optimal zu kombinieren. Wir legen heute die Grundsteine für ein Generationenprojekt, mit Bedacht, viel Demut und auch einer guten Portion Stolz.

Die TBF ist in der Arbeitsgruppe Energie vertreten und hat sowohl am Flawiler Energiekonzept als auch an der Energieplanung mitgearbeitet. So ist sichergestellt, dass Energiestrategie, Energiekonzept und Energiefördermassnahmen auf ein gemeinsames Ziel einzahlen. 

Luca Zilllig-Klaus
Geschäftsführer Technische Betriebe Flawil

Der Bau von Fernwärmenetzen ist kein Selbstläufer. Was sind die Erfolgsfaktoren, die in Flawil zur Umsetzung geführt haben bzw. führen? Welche Rolle spielt dabei die Energieplanung bzw. Wärmeversorgungsplanung?

Die Basis für unser schnelles und bisher erfolgreiches Vorgehen ist sicher unsere Rechtsform. Wir sind ein öffentlich-rechtlich selbständiges Unternehmen, das von einem stark unternehmerisch geprägten Verwaltungsrat geführt wird. Dahinter steht die Gemeinde Flawil als 100%ige Eigentümerin, von der wir grosses Vertrauen und Unterstützung erfahren. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist dann auch die enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Gemeinde in Energie- und Umweltfragen. Die TBF ist in der Arbeitsgruppe Energie vertreten und hat sowohl am Flawiler Energiekonzept als auch an der Energieplanung mitgearbeitet. So ist sichergestellt, dass Energiestrategie, Energiekonzept und Energiefördermassnahmen auf ein gemeinsames Ziel einzahlen.

Die TB Flawil lädt Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer proaktiv zu Veranstaltungen wie den Energie-Cafés ein. Warum machen Sie das und wie sind Ihre Erfahrungen?

Uns war von Anfang an bewusst, dass ein Projekt wie die Fernwärme Flawil nur gelingt, wenn wir die verschiedenen Anspruchsgruppen frühzeitig einbinden, transparent informieren und den direkten Dialog suchen. Entsprechend stellen wir Informationen möglichst früh und niederschwellig zur Verfügung und suchen aktiv den Kontakt mit Betroffenen und Interessierten, beispielsweise am Frühlings- und Herbstmarkt oder mit Infoständen an Veranstaltungen. So ist auch die Idee der Energie-Cafés entstanden. Dort sind wir zu verschiedenen Tageszeiten mit zwei bis drei Mitarbeitenden in einem Café oder Restaurant präsent und stehen für Fragen zur Stromrechnung, zu Gesetzes- und Marktentwicklungen oder zu Projekten der TBF zur Verfügung. Daraus sind spannende und teilweise weitreichende Diskussionen entstanden. Wir wurden nicht überrannt, sind aber mit der Resonanz sehr zufrieden. Die nächsten Energie-Cafés sind bereits in Planung.

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Das Fernwärmenetz Flawil in Zahlen (nach der 2. Ausbaustufe)

  • 200-250 Anschlüsse, 11 Kilometer Länge, 23 GWh Wärme pro Jahr
  • Erste Wärmelieferungen sind ab Frühling 2027 geplant. Die Wärmezentrale befindet sich aktuell im Bau und wird voraussichtlich ab Herbst 2027 Wärme produzieren.
  • Energiequelle: Gereinigtes Abwasser von der Abwasserreinigungsanlage Oberglatt des Abwasserverband Flawil-Degersheim-Gossau
  • Die Gemeinde Flawil fördert die Installation der Fernwärme Übergabestation, abgestuft nach deren Leistung mit bis zu 4’500 CHF: Wegleitung Förderung

Welchen Tipp können Sie anderen Gemeinden, Technischen Betrieben und der Bevölkerung im Kanton St.Gallen mitgeben, die ein erneuerbares Fernwärmenetz realisieren möchten?

Was wir bisher gelernt haben: Fernwärme ist ein Marathon und kein Sprint. Und Fernwärme ist Teamarbeit. Es braucht politische und strategische Arbeit, Projektleitung, Fachplanung, Vertrieb, Kommunikation und die Handarbeit vor Ort im Graben. Und logischerweise fällt es allen leichter, wenn es ein Miteinander und ein «gemeinsam schaffen wir das» ist. Dort liegt eine grosse interne Herausforderung. Fernwärme ist aber auch regionale Teamarbeit. Wir werden von unseren Nachbar- und Partnerwerken grosszügig mit Wissen und Erfahrung unterstützt. Nutzt das regionale Netzwerk und fragt nach, wir können uns gegenseitig helfen. Zu guter Letzt ist Fernwärme auch Teamarbeit zwischen Versorger und Kundschaft. Die Investitionen sind beträchtlich und beide Seiten müssen sich an die Realität von Kosten und Preisen herantasten. Dafür braucht es Vertrauen, dass sich die Fernwärme wie Strom, Wasser und Gas zu einer erfolgreichen, stabilen und bezahlbaren Versorgung entwickelt.

Nutzt das regionale Netzwerk und fragt nach, wir können uns gegenseitig helfen. 

Luca Zilllig-Klaus
Geschäftsführer Technische Betriebe Flawil

Nicht alle Flawilerinnen und Flawiler können von der erneuerbaren Fernwärme profitieren. Was raten Sie den Eigentümerinnen und Eigentümer die nicht im Anschlussperimeter sind?

In Flawil werden die meisten Liegenschaften immer noch mit Öl oder Gas betrieben. Innerhalb des FW-Perimeters bietet die TBF mit der Fernwärme Flawil eine Alternative. Wer diese nicht möchte, kann weitere zukunftsfähige Wärmelösungen wie z.B. Holz, Pellets oder Wärmepumpen nutzen. Gas wird innerhalb des Fernwärmeperimeters mittelfristig verschwinden. Ausserhalb des Fernwärmeperimeters wird Gas weiterhin angeboten, solange die Wirtschaftlichkeit gegeben ist und mit einer schrittweisen Dekarbonisierung bis 2050. Spätestens dann wird das Flawiler und Degersheimer Gasnetz zu 100% mit erneuerbarem Gas betrieben. Auch dort stehen alternative Wärmelösungen wie z.B. Holz, Pellets oder Wärmepumpen zur Verfügung. Jedes System hat seine spezifischen Eigenschaften sowie Vor- und Nachteile, die für die jeweilige Liegenschaft und deren Eigentümerinnen und Eigentümer sorgfältig abzuwägen sind.

Energie-Cafes
Die Termine werden online, auf Social Media und in der Dorfzeitung kommuniziert. Mitarbeitende der TBF sind dann jeweils zu verschiedenen Tageszeiten in einem Café oder Restaurant anzutreffen und können in einer lockeren Atmosphäre zu aktuellen Themen befragt werden. Es gibt keine Anmeldung oder dergleichen. Es ist ein freies Kommen und Gehen.

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Was kann ich tun?

  • Schaue im eidg. Gebäude- und Wohnregister (GWR) nach wie aktuell bei dir geheizt wird: GWR
  • Informiere dich bei deiner Gemeinde oder deinem Energieversorger über die Möglichkeiten einer erneuerbaren Wärmeversorgung in deinem Quartier.
  • Tausche dich mit anderen aus und nutze Dialogformate wie Energie-Cafes um dich über die Möglichkeiten in deiner Gemeinde zu informieren.
  • Als Gemeinde: Aktualisieren und Kommunizieren sie regelmässig ihre energiepolitischen Instrumente, wie Energiekonzept, Energieplanung und Förderprogramme und stimmen diese aufeinander ab: Energie in Gemeinden | sg.ch

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