Mobilität & Verkehr
Reiseblog

11. August 2022

Mit dem Elektroauto nach Island

Es ist ein kalter Sonntag, der 24. April 2022. Markus, der Vater, und Michelle, die Tochter, packen die letzten Sachen ins Auto. Zelt, warme Schlafsäcke und Wanderschuhe sind bereits gepackt. Das Elektroauto, wir nennen es Stromer, ist kaum ein halbes Jahr alt und bereits kurz vor seiner ersten Reise.

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Michelle Wäger (Text)
Markus Wäger (Fotos und Video)

Ich bin etwas nervös, da ich die ersten Tage bis nach Hamburg alleine bestreiten werde. Als Vorbereitung habe ich meine Route und die Ladestationen für die ersten Tage bereits geplant. Eine letzte Kontrolle und dann geht’s los mit dem vollgepackten Stromer. Die Strecke bis nach Hamburg verläuft entspannt, ich lasse mir ein paar Tage Zeit und besuche spontan Orte mit ausgefallenen Unterkünften. Die Dichte von Ladestationen ist hoch, auch in kleinen Städtchen und an Attraktionen sind sie zu finden. Ich nutze hauptsächlich die Ionity-Ladestationen an der Autobahn, welche den Stromer in 20 min auf 80% laden. Beim Laden tausche ich mich mit anderen Elektroautobegeisterten aus. Die Reaktion, wenn ich erzähle was das Ziel unserer Reise ist? Überraschung, dass man mit dem eigenen Auto nach Island kommt und dann Begeisterung, weil es sich so spannend anhört. Am Freitagabend erreiche ich Hamburg. Markus nimmt direkt nach der Arbeit den Flug und wird am späten Abend auch in Hamburg landen.

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Am nächsten Morgen um fünf Uhr treffen wir uns in der Lobby und los geht die sechsstündige Fahrt nach Hirtshals. Die Fähre geht um 15 Uhr. Die Schnell-Ladestationen sind eingeplant, zwei Stunden sind für das Laden einberechnet. Die erste Ladestation kommt in Blickweite und wir erleben einen riesigen Schreck. Mit nur noch 60 km Reichweite sehen wir eine eingezäunte und nicht funktionierende Station. Die nächste Schnellstation ist zu weit, es gibt nur einen 50 kW Station in einem dänischen Städtchen. In 20 min erreicht und zum Glück noch frei, aber die Ladezeit vervierfacht sich. Erst einmal Kaffee kochen und Frühstück aus dem Kofferraum geniessen. Bei einem Batterieladestand von 80% geht es weiter, zwei lokale Elektroautos warten auf die Ladestation als wir weiterfahren. Die Weiterreise verläuft ohne weitere Zwischenfälle, das Laden klappt problemlos und um punkt 12 Uhr erreichen wir den Fährhafen in Hirtshals, Dänemark. Als Elektroauto erhält man auf der Fähre eine Sonderbehandlung, wir vermuten es liegt an der Batterie. Wir stehen zuvorderst in unserer Schlange, alle anderen Elektroautos gehen auf die Färöer-Inseln und die restlichen Fahrzeuge haben Verbrennungsmotoren. Die Überfahrt nach Island dauert drei Nächte und drei Tage mit einem halben Tag Aufenthalt in Thorshaven (Färöer). Es ist eine erholsame Zeit, da wir zum Nichtstun gezwungen sind. In der letzten Nacht ist der Wellengang hoch, aber wir lassen uns davon gemütlich in den Schlaf wiegen. Gegen Mittag am 3. Mai kommt Island in Sicht. Treu ihrer wechselhaften Stimmung zeigt sich die Insel uns auf den ersten Blick nebelverhangen und schneebedeckt. Ab nun startet unsere dreiwöchige Rundreise ab Seydisfjördur.

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Lange Reisen mit Elektroautos sind problemlos möglich!

Michelle & Markus Wäger

unterwegs mit dem E-Auto

Die ersten Punkte auf unserer Liste: Einkaufen und Ladestation finden. Wir haben uns vorgängig informiert, wie es mit dem Laden in Island funktioniert. Es wurde uns mitgeteilt, dass nur Isländische Bürger*innen Zugriff für eine RFID Karte beantragen können. Touristen können die Ladestation über die 24/7 Hotline freischalten lassen und so gratis tanken. Gespannt, ob das wirklich so funktioniert, suchen wir in Egilstadir die erste Ladestation auf, welche – zu unserer Überraschung – für alle gratis ist! Und das im Osten der Insel, wo Energie nicht übermässig verfügbar ist. Es ist eine 50 kW Ladestation, die Ladezeit beträgt gut 1.5 Stunden bis 100%. Wir gehen Einkaufen und machen es uns in einem Kaffee gemütlich. Diese Routine werden wir über die ganze Islandreise hinweg beibehalten, es gibt einige 150 kW Ladestationen über die Insel verteilt, aber meistens sind es 50 kW. Die ein bis zweistündigen Ladestops sind aber nicht mühsam, im Gegenteil – eine Pause mit Kaffee und Kuchen im Warmen oder ein Bad in einer heissen Quelle lädt auch unsere Batterien wieder auf.

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Der Stromer ist währenddessen vollgeladen und wir fahren von Egilstadir los! Wir biegen links ab, da das Wetter und die Temperaturen im Süden etwas besser ist. Aufgrund der kalten Temperaturen und Winterpneus beträgt die effektive Reichweite 250 km anstatt der sonstigen 350 km. Das ist nie ein Problem, da die Ladedichte an der Ringstrasse genug hoch ist. Wir werden öfters auch Umwege fahren oder nochmals umkehren, um Fotos in anderem Licht zu schiessen und die Batterie reicht immer. Wir haben keine Übernachtungen vorreserviert, da wir mit dem Zelt sehr flexibel unterwegs sind und die Touristendichte im Mai nicht hoch ist. Darum fahren wir einfach durch die Landschaft, es hat Nebel, Schnee und Regen, bis wir einen Zeltplatz oder eine Unterkunft finden. Auf dem Weg treffen wir auf die erste ON-Ladestation, das sind jene, bei denen angerufen werden kann und die Ladestation fernfreigeschaltet wird. Wird es funktionieren? Telefonieren ist mein Job, da ich fliessend Englisch spreche. Wir wählen die Nummer, ich werde zügig verbunden und erkläre unsere Situation. Der Berater fragt nach dem Namen der Ortschaft, in welcher wir uns befinden, aber es hapert bei mir mit der isländischen Aussprache. Zum Glück ist jede Station mit einer Nummer bezeichnet. Als Bestätigung wird dennoch der Name der Ortschaft erwähnt und so komme ich in den Genuss, die korrekte Aussprache diverser Isländischer Ortschaften zu lernen. Das Telefonat dauert keine zwei Minuten und die Ladestation ist freigeschaltet. Wir können gratis tanken! Insgesamt werden wir auf der ganzen Insel nur 25 CHF für Energie ausgeben, da es ganz wenige Ladestationen mit Direktzahlungen gibt. Das Freischalten der Ladestationen klappt immer auf Anhieb und anstehen müssen wir auch nie. Nur einmal, in Jökusarlon, ist die Ladestation durch ein Hybridfahrzeug besetzt. Wir sind zum Glück nicht auf die Ladung angewiesen, da die nächste Station nicht fern ist.

Die Fahrt mit dem geräuschlosen Stromer durch die wilde, weite Landschaft von Island ist einzigartig, es fühlt sich an als würde man über den Boden fliegen. Die atemberaubende Kulisse ist schwer in Worte zu fassen, lassen Sie sich lieber von den Bildern und Videos von Markus inspirieren. Die Highlights waren auf jeden Fall Wasserfälle umgeben von grünen Moosfeldern, rote Flussdeltas in den Westfiorden, Wanderungen in der hufeisenförmigen Asbyrgi-Schlucht, heisse Flüsse im Westen und Robbenbabies, Papageintaucher und Islandpferde im unbesiedelten Nordosten. Das Wetter ist, wie es sich für Island gehört, wechselhaft und kühl. Durchschnittstemperatur ist 10°C. Kann da wirklich gezeltet werden? Ja, mit einem Elektroauto kein Problem, neben fahren kann es auch als gemütliche Leseecke mit Heizung und Batterie für Wasserkocher und sonstige Utensilien dienen. Auch Raclette auf dem eigens mitgebrachten Ofen kann man so geniessen, wofür wir doch einige verwunderte aber auch neidische Blicke ernten. Auch Platzprobleme sind nie vorhanden, im Mai sind noch nicht viele Touristen unterwegs, schon gar nicht mit Zelt. Und mit gutem Schlafsack und langer Unterwäsche hält man auch Nächte aus, bei denen man am nächsten Morgen das Zelt auf eine verschneite Wiese öffnet.

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Nach drei Wochen Rundreise, mit ca. 3500 Fahrkilometern auf Island und auch einigen Wanderkilometern sind wir wieder in Seydisfjördur angelangt. Die Speicherkarten unserer Fotoapparate sind voll und wir schwelgen auf der Rückfahrt der Fähre in den Erinnerungen an die wahnsinnig vielfältige, einsame und atemberaubende Landschaft von Island. Die 15-stündige Rückreise durch Deutschland machen wir in zwei Tagen, in dem wir von einer Ionity-Ladestation zur nächsten düsen. Für unser Zelt finden wir spontan einen Campingplatz mitten in Deutschland, wunderhübsch, wo man sich sonst kaum hin verirren würde. Erschöpft von der langen Fahrt aber voller Gemütlichkeit und Erinnerungen erreichen wir am Sonntagnachmittag wieder die Schweiz.

Die Bilanz von unserem Abenteuer: ca. 6500 Fahrkilometer, 1300 kWh Stromverbrauch, 304 CHF Energiekosten. Wir haben die Natur von Island so nachhaltig wie möglich geniessen können, da die elektrische Energie in Island aus 100% erneuerbaren Quellen stammt. Auf Komfort mussten wir auch nicht verzichten, lange Reisen mit Elektroautos sind problemlos möglich!

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Michelle Wäger hat einen Master in Biologie und arbeitet an der Weiterentwicklung der erneuerbaren Wärmeversorgung in Zürich.

Michelle Wäger

begeisterte Islandreisende

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Markus Wäger ist Präsident von EIT.ost, dem Verband der Elektrobranche St. Gallen, AI, AR und Fürstentum Lichtenstein. Der EIT.ost ist Schlüsselpartner der Energiestrategie 2030.

Markus Wäger

begeisterter E-Autofahrer

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