Energie & Versorgung
WEW

21. September 2026

Sechs Fragen an Justus Bernold

Ein Batteriespeicher, der weit mehr ist als ein Batteriespeicher: In Walenstadt ist ein Leuchtturmprojekt entstanden, das wichtige Netzdienstleistungen erbringt und zugleich als Reallabor neue Wege für Forschung und Innovation eröffnet. Gerade in Zeiten des Umbaus der Energieversorgung zeigt sich, welche Rolle Speichertechnologien für Versorgungssicherheit, Netzstabilität und die Nutzung erneuerbarer Energien spielen können. Im Interview mit Verwaltungsratspräsident Justus Bernold geht es um die Erfahrungen aus Walenstadt, zentrale Erfolgsfaktoren und konkrete Erkenntnisse für ähnliche Projekte.

JuliaBenz

Julia Benz
Projektleiterin Energie und Klima

Batteriespeicher sind aktuell in aller Munde. Das WEW hat bereits vor zwei Jahren einen Grossbatteriespeicher eingeweiht und ist damit eine Pionierin in der Ostschweiz. Wie kam es dazu?
Die Initiative ging von unserem damaligen Geschäftsführer aus. Er erkannte früh, dass Batteriespeicher künftig eine zentrale Rolle im Energiesystem spielen werden, und konnte den Verwaltungsrat von dieser Vision überzeugen. Da das WEW als öffentlich-rechtliche Korporation organisiert ist, entschieden schliesslich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über das Projekt. Das zeigt, dass ein solches Vorhaben nur mit einer breiten Unterstützung möglich ist. Heute betreibt das WEW eines von drei baugleichen Batteriesystemen am gleichen Standort (die beiden anderen Systeme sind in privater Hand). Die Anlage wird derzeit vor allem im Primär- und Sekundärregelmarkt eingesetzt und leistet damit einen Beitrag zur Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes. Gleichzeitig soll sie sich über diese Dienstleistungen wirtschaftlich amortisieren. Parallel dazu untersuchen wir gemeinsam mit unseren Forschungspartnern ETH und OST im Forschungsprogramm Grid2050, wie sich die Batterie künftig noch stärker für das lokale Verteilnetz nutzen lässt – beispielsweise zur Reduktion von Lastspitzen, als Blindleistungskompensator oder zur besseren Integration der erneuerbaren Energien.

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BESS-Walenstadt (3)

Was bedeutet der Batteriespeicher für Walenstadt und das WEW?

Der Batteriespeicher ist für das WEW ein echtes Leuchtturmprojekt und hat Walenstadt weit über die Region hinaus bekannt gemacht. Er zeigt, dass auch ein kleiner Energieversorger innovative Lösungen erfolgreich umsetzen kann. Gleichzeitig bildet der Speicher einen wichtigen Baustein im Forschungsprojekt Grid2050. Gemeinsam mit der ETH Zürich und der OST untersuchen wir, wie das intelligente Stromnetz der Zukunft funktionieren kann. Dabei spielen sowohl grosse Batteriespeicher als auch Hausbatterien eine wichtige Rolle. Sie helfen, die natürlichen Schwankungen der Solarstromproduktion auszugleichen und erneuerbare Energien besser in das Stromnetz zu integrieren. Walenstadt gehört damit zu den wenigen Orten in der Schweiz, an denen diese Konzepte nicht nur im Labor entwickelt, sondern direkt im laufenden Netzbetrieb erprobt werden können. Gerade diese Verbindung von Forschung und Praxis macht das Projekt so wertvoll. Für uns ist besonders wichtig, dass wir neue Technologien nicht nur theoretisch untersuchen, sondern unter realen Bedingungen testen und daraus konkrete Erkenntnisse für die Energieversorgung der Zukunft gewinnen können und uns schrittweise anpassen.

Walenstadt gehört damit zu den wenigen Orten in der Schweiz, an denen diese Konzepte nicht nur im Labor entwickelt, sondern direkt im laufenden Netzbetrieb erprobt werden können. 

Justus Bernold
Verwaltungsratspräsident WEW

Was sind die Erfolgsfaktoren bzw. Ihre grössten Learnings?

Der wichtigste Erfolgsfaktor war sicherlich der Mut, frühzeitig in eine Technologie zu investieren, deren Bedeutung damals noch nicht allen bewusst war und auch ein gewisses Risiko beinhaltet. Gleichzeitig brauchte es eine Geschäftsleitung mit einer klaren Vision, einen Verwaltungsrat, der bereit war, Verantwortung zu übernehmen, sowie die Zustimmung der Bevölkerung. Sie trägt im Endeffekt auch das finanzielle Risiko – kann aber auch von den Chancen profitieren. Ein weiteres Learning ist, dass eine Batterie alleine noch keine Energiewende macht. Erst im Zusammenspiel mit Photovoltaik, Wasserkraft, intelligenten Steuerungen und einem modernen Verteilnetz entsteht der eigentliche Nutzen. Sehr wertvoll ist auch die Zusammenarbeit mit der ETH Zürich, der OST sowie weiteren Partnern. Forschung und Praxis profitieren gegenseitig voneinander. Dadurch können wir neue Lösungen unter realen Bedingungen testen und die Erkenntnisse anschliessend zur Verfügung stellen.

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Welchen Tipp können Sie anderen Gemeinden oder Werken geben, die einen Grossbatteriespeicher realisieren möchten?

Mein Rat wäre, auf erfahrene Projektentwickler und Partner zu setzen, die bereits Batteriespeicher realisiert haben. In den vergangenen Jahren wurde enorm viel Know-how aufgebaut. Dadurch lassen sich viele Fehler vermeiden, die wir als frühe Pioniere mindestens teilweise machten. Hinzu kommt, dass sich die Technologie rasant entwickelt hat. Die Batterien sind leistungsfähiger geworden und gleichzeitig deutlich günstiger als noch vor wenigen Jahren. Wer heute ein Projekt startet, profitiert von diesen Entwicklungen. Mindestens genauso wichtig ist aber, den Batteriespeicher nicht als isoliertes Projekt zu betrachten. Entscheidend ist immer die Frage, welchen konkreten Nutzen er für das eigene Netz und die Kundinnen und Kunden bringen soll. Interessant an diesen neuen Technologien ist aber auch, dass sich die Nutzung verändern kann. Eine Verschiebung des Nutzens aus dem Regelmarkt z.B. hin zu lokaler Spitzenbrechung ist auch später möglich.

Die Batterien sind leistungsfähiger geworden und gleichzeitig deutlich günstiger als noch vor wenigen Jahren. Wer heute ein Projekt startet, profitiert von diesen Entwicklungen. Mindestens genauso wichtig ist aber, den Batteriespeicher nicht als isoliertes Projekt zu betrachten. 

Justus Bernold
Verwaltungsratspräsident WEW

Gibt es bereits Pläne für weitere Pionierprojekte in Walenstadt?

Mit dem Forschungsprojekt Grid2050 sind wir bereits mitten in weiteren Pionierprojekten. Gemeinsam mit der ETH Zürich und der OST untersuchen wir verschiedene Fragestellungen rund um das intelligente Stromnetz der Zukunft. Ein aktuelles Beispiel ist die zentrale Steuerung von Flexibilitäten in Haushalten. Dazu haben wir in Walenstadt eine kleine Testgemeinschaft aufgebaut, in der wir Wärmepumpen, Batteriespeicher und weitere flexible Verbraucher intelligent miteinander vernetzen und unter realen Bedingungen testen wollen. Dabei verstehen wir uns in diesem Fall nicht nur als klassischer Energieversorger, sondern auch als Plattform, auf der neue Technologien und Konzepte für die Energieversorgung der Zukunft gemeinsam mit Forschungspartnern entwickelt und erprobt werden können. Das Schöne daran ist, dass die Erkenntnisse nicht nur dem WEW zugutekommen. Die Resultate stehen grundsätzlich allen Verteilnetzbetreibern zur Verfügung und können dazu beitragen, die Energiewende schweizweit effizienter und, das ist meine Hoffnung, hoffentlich auch viel rascher umzusetzen.

BESS-Walenstadt (1)

Im Rahmen von Grid2050 erforschen wir, wie viele kleine Batteriespeicher und auch andere Flexibilitäten gemeinsam intelligent gesteuert werden können. 

Justus Bernold
Verwaltungsratspräsident WEW

Sind Hausbatterien trotz Grossbatterie überhaupt noch sinnvoll?

Aus meiner Sicht ein klares «Ja». Grossbatterien und Hausbatterien erfüllen heute unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich gegenseitig. Der Grossbatteriespeicher des WEW wird heute hauptsächlich im Regelenergiemarkt eingesetzt und trägt zur Stabilisierung des übergeordneten Stromnetzes bei. Hausbatterien verfolgen dagegen in erster Linie das Ziel, den Eigenverbrauch des selbst produzierten Solarstroms zu erhöhen und damit den Strombezug aus dem Netz zu reduzieren und die Wirtschaftlichkeit einer PV-Anlage zu optimieren. Indirekt entlasten Hausbatterien dadurch auch das lokale Stromnetz. Künftig sehen wir jedoch noch deutlich mehr Potenzial. Im Rahmen von Grid2050 erforschen wir, wie viele kleine Batteriespeicher und auch andere Flexibilitäten gemeinsam intelligent gesteuert werden können. So könnten sie nicht nur den einzelnen Haushalt optimieren, sondern gleichzeitig einen Beitrag für das gesamte Stromnetz leisten. Auch interessant könnten «Quartierspeicher» sein. Das wären dann Speicher, in der Funktion von Hausbatterien aber halt gemeinsam von mehreren Haushalten finanziert und an einem geeigneten Ort innerhalb eines Quartiers platziert. Diese mittelgrossen Speicher sind im Verhältnis zur Kapazität viel günstiger als die «kleinen» Hausbatterien. Sie benötigen jedoch etwas mehr Platz und es ist etwas komplizierter, die Nutzung zu regeln bzw. zu vereinbaren.

Aus dem Leben eines Grossspeichers…
Es war einmal eine Batterie, die nichts weiter wollte, als pünktlich in Walenstadt anzukommen und dort friedlich Strom zu speichern.
Der Plan war einfach: Container aufs Schiff, Schiff durch den Suezkanal, Batterie nach Walenstadt, fertig.
Doch irgendwo zwischen Fernost und dem Walensee bekam die Batterie plötzlich eine Nachricht vom Kapitän: «Liebe Batterie, kleiner Umweg. Vor uns sorgen die Huthi-Rebellen für Unruhe. Wir fahren deshalb nicht durch den Suezkanal, sondern einmal rund um Afrika.»
Die Batterie antwortete entsetzt: «Wie bitte? Ich bin für ein Batteriespeicherprojekt bestimmt, nicht für eine Weltreise!» Doch es half nichts. Statt entlang der kürzesten Route ging es vorbei an Elefanten, Pinguinen, Walen und dem Kap der Guten Hoffnung. Währenddessen wartete in Walenstadt der Projektleiter gespannt auf die Trackingnummern und fragte sich täglich: «Wo sind die Batteriecubes»? Die Antwort lautete jeweils: «Technisch gesehen auf dem Weg. Geografisch gesehen irgendwo zwischen drei Ozeanen.» Nach vielen zusätzlichen Seemeilen erreichte die Batterie schliesslich doch ihr Ziel. Und so kann das BESS Walenstadt vermutlich von sich behaupten: Die Batterien haben vor der Inbetriebnahme mehr von der Welt gesehen als mancher Projektleiter in seinen Ferien.
Unsere Erkenntnisse aus dem Projekt: Liefertermine sind oft präzise geplant – die Realität ist kreativer als jeder Plan.

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