Bildung & Innovation
Kanton St.Gallen Amt für Wasser und Energie

02. Februar 2023

Unter Strom ohne Strom: Blackout an der Kanti Burggraben

Energie und Strom erlebbar machen: Das war das Ziel des simulierten Stromausfalls an der Kanti am Burggraben in St.Gallen. Am Mittwochmorgen, 25. Januar, waren 1400 Schülerinnen und Schüler einen halben Tag ohne Strom. Der Blackout Day entstand in Zusammenarbeit mit der Klimaschutzbewegung Myblueplanet, um Schüler und Schülerinnen sowie Lehrpersonen für einen sorgsameren Umgang mit Ressourcen zu sensibilisieren.

Sabrina Rohner-Autorinnenbild

Sabrina Rohner
Freie Journalistin

Der Strom fliesst: Der Handy-Wecker klingelt uns aus dem Bett, die elektronische Zahnbürste surrt im Bad, der Lichtschalter reagiert auf unseren Befehl und der Kaffee läuft zuverlässig aus der Maschine. Dank Strom können wir warm duschen und unsere Kleider waschen. Strombetriebener öffentlicher Verkehr fährt uns zur Schule oder zur Arbeit. Für viele ist dieser alltägliche Stromkonsum selbstverständlich. Doch was, wenn plötzlich kein Strom mehr aus der Leitung kommt? Mit einem temporären Stromausfall wollten die Kantonsschule am Burggraben und die Klimaschutzbewegung Myblueplanet am sogenannten Blackout Day am 25. Januar ein Bewusstsein für die Energiequellen schaffen und Denkanstösse vermitteln: Wozu brauchen wir Energie? Wie kommt der Strom in die Steckdose? Wo können wir Energie sparen? Das Thema ist aktueller denn je, hat uns die Energiekrise doch nochmals die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vor Augen geführt.

2_Klassenzimmer dunkel_Myblueplanet

In der ersten Lektion heute früh blieb alles dunkel. Wir haben im Spanisch improvisiert und auf mündliche Übungen gewechselt. Dieser Stromausfall hat uns bewusst gemacht, wie abhängig wir vom Strom und wie selbstverständlich die Energieressourcen sind. Durch dieses Experiment gehen wir in Zukunft sparsamer mit Strom um 

4_Asena und Anastasia

Asena und Anastasia
Schülerinnen Kanti am Burggraben

Schulbeginn

Notausgang & Screen und Wandtafel

Um 7.40 Uhr beginnt die erste Lektion. Als die Schüler und Schülerinnen der St.Galler Kanti am Mittwochmorgen in die Schule strömen, ist es dunkel und kalt. Nicht nur draussen wegen der winterlichen Jahreszeit, auch drinnen im altehrwürdigen Gebäude sind die Lichter und Heizungen aus. Kein Strom fliesst aus den Steckdosen und die Kaffeemaschinen in der Mensa sind ausser Betrieb. Der simulierte Stromausfall am Blackout Day ist eine «Krise auf Probe» für die Kantonsschule mit rund 1400 Schülerinnen und Schüler. Auch wenn das Gebäude noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, ist natürlich auch hier fast alles digitalisiert und der Unterricht wird mehrheitlich via Screens, Tablets und Laptops geführt. Heute Mittwoch aber ist alles anders: «Ein bisschen nervös bin ich, wir haben schliesslich keine Ahnung, was passiert», sagt Rektor Michael Lütolf. «Am aufwendigsten waren die Abklärungen im Vorfeld, insbesondere für die IT, da unser System mit zwei anderen Schulen verbunden ist.» Die Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler wussten nichts vom Stromausfall, sie wurden lediglich informiert, dass in dieser Woche etwas Aussergewöhnliches geschehen wird.

Flasche bringt Licht ins Dunkel

6_Katharina Künzle

Katharina Künzle-Gruber, Chemielehrerin

08:00 Uhr

Katharina Künzle-Gruber unterrichtet seit rund 20 Jahren Chemie an der Kantonsschule Burggraben. Aktuell steht Radioaktivität auf dem Stundenplan. Die Schülerinnen und Schüler lösen auf ausgedruckten Handouts ein Rätsel zu Radioaktivität und dem Periodensystem. Den Stromausfall nutzt Künzle-Gruber, um über Energie und den Klimawandel zu diskutieren: «Wie viele Ressourcen brauchen wir wirklich? Wie sind die Ressourcen global verteilt? Darüber möchte ich mit meiner Klasse reden», so die engagierte Naturwissenschaftlerin.

Während üblicherweise alle in ihren Laptop starren, finden heute angeregte Diskussionen statt. Für die Schülerinnen und Schüler besonders aussergewöhnlich: Seit langem müssen sie mal wieder Aufgaben auf Papier lösen und von Hand schreiben.

In der ersten Reihe leuchtet auf einem Pult ein Licht im sonst dunklen Klassenzimmer. Beim näheren Hinsehen erkennt man eine Plastikflasche, die das Licht zweier Smartphones reflektiert. Die Idee dazu hatte Pirakasa. Er und seine beiden Sitznachbarinnen Lea und Alina finden den Blackout Day eine spannende Erfahrung. «Vielleicht müssen wir einen Schritt zurück machen, um wieder mehr zu forschen, woher unsere Energiequellen wirklich kommen», sagt der 16-jährige Gymnasiast.

7a_Pirakasa
7b_Lea
7c_Alina
7_Flasche

Stromversorgung auf dem Stundenplan

8_Samantha und Luana

Samanta und Luana, Schülerinnen Kanti am Burggraben

09:15 Uhr

Im Geografieunterricht behandelt Lehrer Mathias Schneider derweil das Ökosystem des tropischen Regenwalds. Alles andere als tropisch sind die Temperaturen im Klassenzimmer: Luana und Samantha sitzen frierend und in der Winterjacke eingepackt hinter ihrem Schreibtisch. Geografielehrer Schneider möchte in seiner Stunde anhand des Stromausfalls aufzeigen, was alles von der Stromversorgung abhängt. «Die Schule unternimmt bereits viel, um klimafreundlich zu sein. Die Zusammenarbeit mit Myblueplanet gibt uns zusätzlichen Schub», betont Martin Rotta, der selbst auch Geografie unterrichtet. Rotta gehört dem Kernteam der Klimaschule an. Das Kernteam hat für alle Lehrpersonen ein Dossier vorbereitet mit Ideen, wie sie den Stromausfall am Blackout Day vermitteln könnten. Ob und wie die Lehrerinnen und Lehrer das Thema dann tatsächlich berücksichtigen, sei ihnen überlassen: Stromproduktion in der Schweiz, Energiekrise oder Stromversorgung in Kriegsgebieten seien mögliche Bereiche, um die komplexen Zusammenhänge den Schülerinnen und Schülern näherzubringen.

9_Martin Rotta

Am heutigen Blackout Day steht die Stromversorgung auf dem Stundenplan

Martin Rotta

Geografielehrer und Mitglied des Kernteams Klimaschule

Nadine Stähli ist Projektleiterin Klimaschule bei Myblueplanet. Für sie sei der Blackout Day an den Schulen jeweils ein Highlight nach monatelangen Vorbereitungen: «Die Kanti am Burggraben war eine besondere Herausforderung, da sie die grösste Schule ist, die je mit uns einen Blackout Day durchgeführt hat», sagt die Projektleiterin. Die Aktion möchte Energie und Strom erlebbar machen. Das geschehe, indem die Schülerinnen und Schüler und die Lehrpersonen direkt betroffen sind, so werde das Thema Energie fassbar. Stähli stellt fest, dass die Ruhe, die der Stromausfall mit sich bringt, auf die Schülerinnen und Schüler auch entschleunigend wirken kann.

10_Nadine Stähli

Die Kanti am Burggraben war eine besondere Herausforderung, da sie die grösste Schule ist, die je mit uns einen Blackout Day durchgeführt hat

Nadine Stähli

Projektleiterin Klimaschule bei Myblueplanet

09:55 Uhr

In der Deutschstunde spricht der Lehrer über Ideen für den Maturaaufsatz. Plötzlich wird das Gespräch unterbrochen von einer Stimme im Klassenzimmer: «Wir hatten heute einen Stromausfall in der Schule – trotzdem hat der Unterricht weiter funktioniert. Vielen Dank, dass ihr diesen Zwischenfall so kreativ gemeistert habt», tönt es unvermittelt aus dem Lautsprecher in allen Klassenzimmern. Es ist die Stimme des Rektors Michael Lütolf, der den überraschenden Stromausfall am Mittwochmorgen auflöste. «Warmes Essen, frisch gewaschene Kleider und jederzeit Strom aus der Steckdose: Energie ist für uns im Alltag selbstverständlich. Wir hoffen, dass der heutige Stromausfall etwas bewirkt hat und sich die Schülerinnen und Schüler der Ressourcenknappheit bewusster sind», so Lütolf.

11_Michael Lütolf

Der Ideenreichtum und die Kreativität beim Suchen von Lösungen während des Stromausfalls haben mich beeindruckt

Michael Lütolf

Rektor Kantonsschule Burggraben

Einen speziellen Dank widmete der Rektor den Mitarbeitenden des Hausdiensts. Diese trugen nämlich eine besondere Verantwortung und mussten die rund 30 Sicherungskästen ausschalten – und dann wieder einschalten. Titus Rüegg leitet den Hausdienst der Kantonsschule am Burggraben und sorgte mit seinem Team dafür, dass nach dem Stromausfall alles wieder so funktionierte wie zuvor.

12_Titus Rüegg

Punsch statt Kaffee

14_Klimaplakat

10:00 Uhr

In der Pause gibt es Punsch, ausgeschenkt von Mitgliedern des Klimarats. 15 Schülerinnen und Schüler gehören diesem Gremium an, das sich stufenübergreifend für den Umweltschutz einsetzt. Auch Malena, Tanja und Ana (siehe Foto: von links nach rechts) engagieren sich im Klimarat. Während sie ihren Kolleginnen und Kolleginnen Punsch ausschenken, sagen die drei Gymnasiastinnen, sie hätten es geschätzt, während des Stromausfalls wieder mal mehr miteinander reden zu können. «Es ist wichtig, dass wir über die Energiekrise sprechen, damit wir aktiv etwas für unsere Zukunft tun können», so Tanja.

13b_Klimarat Schülerinnen Punsch
13a_Mensa geschlossen
13 b_Punsch

Auf dem Weg zur Klimaschule wird es dunkel

Die Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen ist im Rahmen des vierjährigen Bildungs- und Klimaschutzprogramms «Klimaschule» Projektpartner der Schweizer Klimaschutzbewegung Myblueplanet. Die Schule muss insgesamt zehn Kriterien erfüllen, um das Label Klimaschule zu erhalten. Ein Kriterium ist die Gründung eines Klimarats. Im Herbst 2022 fand der Auftakt zum Programm Klimaschule statt und nun folgen mehrere Aktionstage, um die Schulklassen und Lehrpersonen für die Themen Ressourcenknappheit und Klimawandel zu sensibilisieren. Einer dieser Aktionstage ist der Blackout Day. Das Ziel der Zusammenarbeit sind langfristige Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit im Schulalltag und in der Schulinfrastruktur.

Die Klimaschule

Die Klimaschule knüpft bei der jungen Generation an: Das vierjährige Bildungsprogramm von Myblueplanet sensibilisiert Schulen in klimarelevanten Themen und verankert Nachhaltigkeit langfristig im Schulalltag, im Unterricht und in den Infrastrukturen. Die Klimaschule vertieft die Schwerpunktthemen Energie und Mobilität, Biodiversität und Ernährung und Ressourcen und Abfall. Der erlebnisorientierte und praxisnahe Bildungsansatz fördert eine langfristige Verhaltensänderung bei den Schülerinnen und Schülern. Im Unterricht, an Aktionstagen, bei Schulbesuchen oder Exkursionen können sie aktiv mitgestalten, eigene Erlebnisse sammeln und sich mit Expertinnen und Experten aus der Berufswelt austauschen.

Weitere Informationen zum Programm Klimaschule von Myblueplanet unter www.klimaschule.ch

Fotos: Myblueplanet und Sabrina Rohner

15_Kanti von aussen dunkel

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